Aufstellung in der Systemischen Therapie: Skulptur und Familienbrett
In der Systemischen Therapie ist die Aufstellung kein eigenes Verfahren, sondern eine Familie räumlicher Methoden: Menschen oder Holzfiguren zeigen Nähe, Abstand und Blickrichtung, damit ein Anliegen sichtbar und besprechbar wird.

Kurzantwort
Familienskulptur und Familienbrett gehören zum Werkzeug systemischer Praxis; die DGSF nannte das Stellen von Familienskulpturen 2003 einen wichtigen Bestandteil der Systemischen Therapie. Die Systemische Therapie selbst ist für Erwachsene seit einem Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses vom 22.11.2019 ein Richtlinienverfahren. Ein Aufstellungsseminar wird dadurch nicht zur Therapie: Entscheidend sind Einbettung, Qualifikation der Leitung und der Umgang mit Deutungen.
Gehört die Aufstellung zur Systemischen Therapie?
Das hängt davon ab, was mit Aufstellung gemeint ist. Räumliche Darstellungen von Beziehungen sind in der systemischen Arbeit seit Jahrzehnten verbreitet. Der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) bezeichnete in seiner Stellungnahme vom Februar 2003 das Stellen von Familienskulpturen als wichtigen Bestandteil der Systemischen Therapie und nannte daneben die Arbeit mit dem Genogramm. Familienaufstellungen hielt die Fachgesellschaft nur unter Bedingungen für vertretbar, vor allem dann, wenn sie in einen längeren Prozess von Therapie oder Beratung eingebettet sind. Davon zu trennen ist die Systemische Therapie als Verfahren. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat sie mit Beschluss vom 22.11.2019 für Erwachsene in die Psychotherapie-Richtlinie aufgenommen; der Beschluss trat am 24.01.2020 in Kraft. Diese Anerkennung gilt für das Verfahren als Ganzes, nicht für ein bestimmtes Format, das unter dem Namen Aufstellung angeboten wird. Welche Rolle Berufsbezeichnung, Approbation und Kostenweg dabei spielen, erklärt der Beitrag zum Unterschied zwischen Familienaufstellung und Systemischer Therapie.
Woher kommen die räumlichen Methoden?
Die Idee, Beziehungen im Raum darzustellen, ist älter als die heutigen Seminarformate. Jacob Levy Moreno ließ im Psychodrama Mitspielende die Rollen von Menschen aus einem Konflikt übernehmen. Die US-amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir (1916 bis 1988) prägte die Familienskulptur, in der Familienmitglieder oder Stellvertretende so angeordnet werden, dass Beziehungen ohne Worte sichtbar werden; mit der Familienrekonstruktion kam bei ihr der Blick über mehrere Generationen hinzu. Bert Hellinger lernte die Arbeit mit Stellvertretenden nach der Darstellung der deutschsprachigen Wikipedia in einem Kurs von Thea Schönfelder bei den Lindauer Psychotherapiewochen kennen und entwickelte daraus seine Form des Familienstellens. Matthias Varga von Kibéd begründete die systemischen Strukturaufstellungen, in denen auch abstrakte Elemente eines Anliegens dargestellt werden können, etwa ein Ziel oder ein Hindernis. Diese Herkunft ist mehr als Geschichte: Sie zeigt, dass hinter dem Wort Aufstellung verschiedene Schulen mit unterschiedlichen Annahmen darüber stehen, was eine Darstellung im Raum zeigen kann und was nicht.
Was passiert bei einer Familienskulptur?
Bei einer Skulptur stellt eine Person Familienmitglieder oder Stellvertretende so in den Raum, wie sie die Beziehungen im Moment erlebt: wer nah beieinandersteht, wer sich abwendet, wer am Rand bleibt, wer zu wem schaut. Haltung und Gestik können hinzukommen. Anschließend beschreiben die Beteiligten, wie sie ihren Platz erleben, und die Leitung fragt nach, was die aufstellende Person selbst in dem Bild sieht. Manche Leitungen lassen danach ein zweites Bild stellen, etwa einen gewünschten Zustand, und besprechen den Unterschied zwischen beiden. Der Wert der Methode liegt in der Verdichtung: Was in Worten lange umkreist wird, ist im Raum auf einen Blick zu sehen. Die Grenze liegt an derselben Stelle. Eine Skulptur zeigt ein inneres Bild, keinen objektiven Befund über die Familie. Zwei Geschwister würden dieselbe Familie vermutlich unterschiedlich stellen, und beide Bilder können für die jeweilige Person stimmig sein, ohne dass eines davon die Wahrheit über die anderen Angehörigen enthält.

Wie wird mit dem Familienbrett gearbeitet?
Das Familienbrett ersetzt Menschen durch Figuren. Als sein Erfinder gilt der deutsch-chilenische Psychologe und systemische Psychotherapeut Kurt Ludewig; einen Band mit dem Titel „Das Familienbrett“ gab er im Jahr 2000 gemeinsam mit Ulrich Wilken heraus. Die aufstellende Person setzt kleine Holzfiguren auf ein Brett, eine für sich selbst und je eine für die anderen Beteiligten, und richtet sie nach Nähe, Abstand und Blickrichtung aus. In Beratung und Coaching wird für ähnliche Materialien auch der Begriff Systembrett verwendet. Der praktische Unterschied zur Skulptur ist erheblich: Es braucht keine Gruppe und keine Stellvertretenden, niemand muss eine fremde Rolle übernehmen, und das Bild lässt sich im Einzelgespräch, mit einem Paar oder mit einer Familie am Tisch bauen, betrachten und verändern. Was Menschen in einer Rolle erleben und warum dieses Erleben kein Messwert ist, beschreibt die Seite zur Stellvertreterwahrnehmung. Für das Familienbrett gilt dieselbe Vorsicht wie für jede Darstellung: Es macht eine Sicht besprechbar, beweist aber nichts über abwesende Angehörige.
Skulptur, Brett und Seminar im Vergleich
Die drei Formate teilen die räumliche Grundidee, unterscheiden sich aber in Material, Setting und in dem, was Teilnehmende vorher wissen sollten. Die Übersicht fasst zusammen, was sich aus den genannten Quellen und der Beschreibung der Methoden ableiten lässt. Sie ersetzt keine Prüfung des einzelnen Angebots, denn unter demselben Namen arbeiten Anbieter sehr unterschiedlich.
| Format | Wer oder was stellt dar | Typischer Rahmen | Worauf achten |
|---|---|---|---|
| Familienskulptur | Familienmitglieder oder Stellvertretende im Raum | Familien-, Paar- oder Gruppensitzung in Therapie oder Beratung | Ob jede beteiligte Person zustimmen und eine Rolle ablehnen kann |
| Familienbrett oder Systembrett | Holzfiguren auf einem Brett | Einzel-, Paar- oder Familiengespräch am Tisch | Ob Deutungen als Fragen angeboten werden und das Bild veränderbar bleibt |
| Aufstellungsseminar | Teilnehmende einer Gruppe als Stellvertretende | Ein- oder mehrtägige Gruppe, Vor- und Nachbereitung je nach Anbieter | Qualifikation der Leitung, Gruppengröße, Einbettung und Nachsorge |
Was unterscheidet eine Aufstellung in der Therapie von einem Seminar?
Der Unterschied liegt weniger in der Technik als im Rahmen. Die DGSF knüpfte ihre Haltung 2003 an Bedingungen: Aussagen von Stellvertretenden und Therapeuten sollen als Hypothesen gelten, die Klientinnen und Klienten zurückweisen können; die Aufstellung soll in einen längeren Prozess eingebettet sein; leiten sollen nur Personen mit fundierter systemischer Ausbildung und praktischer Erfahrung. Aufstellungen in Großgruppen mit dem Ziel eines Publikumseffekts lehnte der Vorstand als unethisch ab. Die heutige Fachgruppe Systemische Aufstellungen der DGSF beschreibt in ihren Hinweisen zur Qualitätssicherung eine verwandte Haltung: Die Leitung trägt die Verantwortung für den Prozess, die Deutungshoheit bleibt bei der Person, die ihr Anliegen aufstellt, und Zeit, Kosten, Ort und Ablauf werden vorher offen besprochen. In einer laufenden Therapie ist eine Skulptur oder ein Brett ein Schritt unter vielen, mit Vorgespräch, Nachgespräch und der Möglichkeit, beim nächsten Termin darauf zurückzukommen. Ein einmaliges Wochenende kann diese Rückbindung nur bieten, wenn der Anbieter Nachsorge ausdrücklich vorsieht und benennt.
Was ist über die Wirkung bekannt?
Die Forschung betrifft bisher vor allem Seminare, nicht die Skulptur oder das Brett innerhalb einer Therapie. Eine randomisierte kontrollierte Studie aus Heidelberg mit 208 Erwachsenen aus der Allgemeinbevölkerung verglich ein dreitägiges Familienaufstellungsseminar mit einer Wartelistengruppe. Die Autorinnen und Autoren berichteten 2013 im Journal of Counseling Psychology eine Verbesserung des psychischen Befindens, gemessen mit einem Fragebogen zwei Wochen und vier Monaten nach dem Seminar; unerwünschte Ereignisse wurden nicht gemeldet. Eine systematische Übersicht in der Zeitschrift Family Process von 2021 schloss zwölf Studien mit zusammen 568 Teilnehmenden ein. Neun davon zeigten eine statistisch signifikante Verbesserung, vier berichteten leichte bis mittlere negative Effekte bei fünf bis acht Prozent der Teilnehmenden, und die Autoren bewerteten Menge und Qualität der Belege insgesamt als gering. Beide Arbeiten sprechen von Wirkungen in der Allgemeinbevölkerung, nicht von der Behandlung psychischer Erkrankungen im Versorgungssystem. Wie sich Studiendesign, Stichprobe und Übertragbarkeit lesen lassen, erläutert die Seite zur Studienlage zu Familienaufstellungen.
Woran erkennen Sie, in welchem Rahmen Sie arbeiten?
Vier Fragen reichen oft, um ein Angebot einzuordnen. Erstens: Wer leitet, mit welcher Berufsbezeichnung und welcher systemischen Weiterbildung? Psychotherapeutin oder Psychotherapeut darf sich nach dem Psychotherapeutengesetz nur nennen, wer approbiert ist. Zweitens: In welchem Setting findet die Darstellung statt, im Einzelgespräch mit Figuren, in einer Familiensitzung oder in einer Gruppe mit fremden Teilnehmenden? Drittens: Ist sie Teil eines längeren Prozesses, oder steht sie allein? Viertens: Wie geht die Leitung mit Deutungen um, darf ein Bild geändert, eine Rolle abgelehnt oder eine Aussage zurückgewiesen werden, ohne dass das als Widerstand gilt? Wer diese Antworten vor dem ersten Termin einholt, kann eine Skulptur in der Therapie, ein Brett in der Beratung und ein Wochenendseminar sachlich auseinanderhalten, statt sich von dem gemeinsamen Wort Aufstellung leiten zu lassen.
Häufige Fragen
Ist eine Familienaufstellung eine Kassenleistung?
Ein Aufstellungsseminar ist kein Richtlinienverfahren. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt Psychotherapie in den Verfahren der Psychotherapie-Richtlinie, zu denen die Systemische Therapie für Erwachsene seit dem Beschluss von 2019 gehört. Räumliche Methoden können Teil einer solchen Behandlung sein; ein eigenständiges Seminar wird dadurch aber nicht zur Kassenleistung.
Braucht man für ein Familienbrett eine Gruppe?
Nein. Beim Familienbrett stehen Holzfiguren für die beteiligten Personen. Deshalb lässt es sich im Einzelgespräch, mit einem Paar oder mit einer Familie am Tisch einsetzen, ohne dass fremde Menschen Rollen übernehmen.
Sind Aussagen aus einer Aufstellung Tatsachen über die Familie?
Nein. Die DGSF verlangte 2003, Aussagen von Stellvertretenden und Leitenden als Hypothesen zu behandeln, die zurückgewiesen werden können, und ihre Fachgruppe betont heute die Deutungshoheit der aufstellenden Person. Ein Bild im Raum zeigt eine Sicht im Moment der Aufstellung, keinen Nachweis über Ereignisse oder abwesende Angehörige.
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